Sprache in der EU – Unity oder Diversity?

Es gibt wohl kaum ein Thema, das emotionaler und tiefgreifend ist als die Muttersprache. Aber auch hier stellt sich die Frage nach der gewünschten Integrationstiefe der Mitgliedsstaaten in der Union, welche, sofern diese Tiefe ausreichend vorhanden ist, durchaus von der politischen zu einer kulturellen Union werden könnte. Der Gedanke einer gemeinsamen Sprache ist heutzutage höchstwahrscheinlich unpopulär und ruft ganz sicher Konservative und Populisten mit  der Angst vor Fremdbestimmung auf den Plan. Das Einzige, was allerdings zählt, ist, ob sich die junge Generation, also die Generation Euro und Erasmus, mit einem solchen Gedanken anfreunden kann. Denn sie wird es sein, die, wenn sich diese Frage real stellen sollte, zu entscheiden hat. Bei der Suche nach der Form der gemeinsamen Verständigung ergeben sich zwei Möglichkeiten die beide ihre positiven Seiten haben, aber auch durchaus gewichtige Gegenargumente zulassen, was die Entscheidung zwischen ihnen von der persönlichen Gewichtung der Argumente abhängig macht.

Zunächst wäre da die Methode der „Unity in Diversity“, also der Bildung einer Einheit unter Beibehaltung der Differenzierung, was die Organisation der EU in den Sprachen der Mitgliedsstaaten bedeutet. Diese Methode hat ihren signifikanten Nachteil in der Effizienz der europäischen Organe, welche durch die Sprachbarrieren deutlich verringert wird. Außerdem besteht das Risiko für fehlerhafte Kommunikation, ausgelöst durch ständige Übersetzungen. Im Gegenzug beweist die den Nationalstaaten übergeordnete Organisation damit ihre Verbundenheit mit und ihre Legitimation durch die Mitgliedsstaaten. Hierbei besteht die Chance, dass nicht das Gefühl einer Bevormundung durch die EU bei der Bevölkerung entsteht. Sondern das die Union klar macht, dass die Partizipation der eigenen Nation an der EU wertgeschätzt wird – was natürlich immer so sein sollte, oft aber nicht so wahrgenommen wird (siehe Großbritannien). Aus diesem Vorteil der ersten Möglichkeit erwächst nämlich der unübersehbare Nachteil einer EU mit einheitlicher Sprache. So würde eine EU mit einheitlicher Sprache höchstwahrscheinlich von vielen als Bevormundung wahrgenommen. Die EU könnte also verstärkt als ungewollte Instanz auf internationaler Ebene erscheinen, die den Mitgliedsstaaten Dinge gegen deren Willen aufzwingt.

 

Andererseits würde dadurch das Gefühl einer übergreifenden Gemeinschaft deutlich gestärkt und die zwischeneuropäische Kommunikation sowohl regierungstechnisch als auch gesellschaftlich signifikant verbessert. Auch darf eine solche gemeinsame Sprache als Voraussetzung für sowohl eine gesamteuropäische Medienlandschaft sowie eine politische Debatten- und Parteikultur gesehen werden. Die restlichen Vorteile einer solchen gemeinsamen Sprache liegen ja auf der Hand: So kann unmöglich von jedem Europäer verlangt werden, mehrere Fremdsprachen fließend zu beherrschen, eine gemeinsame allerdings schon. So könnte sich jeder Unionsbürger mit jedem unabhängig der Muttersprache verständigen. Die Implementierung einer solchen gemeinsamen Sprache obliegt natürlich dem Bildungswesen, das auch gesamteuropäisch auf dieses Ziel hinarbeiten sollte.

Denkbar wären allein von ihrem Stellenwert in der Union vor allem Deutsch und Französisch, wobei Deutsch aufgrund seiner Geschichte und der Angst der anderen Mitgliedsstaaten vor einem „deutschen Europa“ schon einmal nicht in Frage käme. Französisch auf der anderen Hand würde in Deutschland und mehreren anderen Ländern nur schwer durchzusetzen sein, daher wir eine einigermaßen neutrale Sprache benötigt. Wie wäre es also mit…  [Trommelwirbel]

Esperanto!

Die im späten 19. Jh. entwickelte Plansprache sollte zur Weltsprache werden und den Weltfrieden sowie die Völkerverständigung fördern, allerdings gibt es nur zwischen 0,5 und 1 Millionen Sprecher. Das Einzige was also bleibt ist – wer hätte es gedacht – Englisch.

Mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU verbleibt nur Irland als englischsprachiges Land in der EU, wobei nicht hundertprozentig sicher ist, ob dieses aufgrund von Steuerfragen einer „Kern-EU“ angehören würde. Somit hätte Englisch zumindest innerhalb der EU eine gewisse Neutralität. Außerdem dürfte der Widerstand gegen den Einsatz der englischen Sprache aufgrund ihres Status als „Lingua Franca“ der globalisierten Welt wesentlich geringer sein als bei anderen Sprachen.

Das fußt hauptsächlich darauf, dass in etlichen Ländern der EU schon gut Englisch gesprochen wird und somit die Einführung weniger Komplikationen hervorrufen sollte als bei anderen Sprachen. So listet der Education First English Proficiency Index 2018, welcher die Englisch-Fähigkeiten der Bevölkerung in nicht englischsprachigen Ländern misst, zehn der für die „Kern-EU“ vorgeschlagenen Länder unter den Top 20 auf. Darunter Deutschland auf Platz 10, Schweden auf Platz 1 und die Niederlande auf Platz 2. Einziges Problem dabei ist, dass drei der vier großen EU-Länder nicht unter diesen Top 20 sind. So liegen Italien auf Platz 34 und Frankreich auf Platz 35 nur knapp hinter dem Libanon (Platz 33), während Spanien sich knapp davor befindet (Platz 32). Das könnte definitiv ein Problem darstellen. Frankreich hat unter Emanuel Macron zumindest kleine Schritte in die richtige Richtung gemacht. Der Effekt, den erhöhte Englischkenntnisse der europäischen Bevölkerung auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit und die Verbesserung der transatlantischen (und „transkanalischen“) Beziehungen hätte, wäre nicht von der Hand zu weisen. Ebenso ist eine Verbindung zwischen dem Human Development Index, der Gleichberechtigung von Mann und Frau, dem Bruttoinlandsprodukt, der Verfügbarkeit von Fachkräften, der Innovationskraft und den Englischkenntnissen einer Gesellschaft zumindest statistisch belegt, Die aufgezählten Faktoren haben sicherlich auch andersherum starken Einfluss auf die Bildung und damit die Englischkenntnisse einer Gesellschaft. Europa sollte also in allen Mitgliedsstaaten, vor allem in Frankreich, Spanien und Italien die Englischkenntnisse fördern, auch um später eine europäische Öffentlichkeit zu ermöglichen. Englisch ist Weltsprache. Das ist Fakt. Die USA, China und Indien sprechen Englisch, Afrika auch. Warum nicht auch Europa?

Bastian Weber ist Co-Chefredakteur und einer der Gründer des Hochformats sowie Leiter der Ressorts "Politik" und "Europa". Ihm liegen die Europäische Idee und der Kampf gegen die Klimakrise besonders am Herzen. Bastian Weber ist außerdem zuständig für Grafik, Design und die audiovisuellen Inhalte des Hochformats.

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