Auf der Suche nach der verlorenen Wahrheit Werk ohne Autor

„Alles was wahr ist, ist schön.“ In Zeiten von Trump, Fake News und AfD, in Zeiten, in denen man allzu oft vergebens nach der Wahrheit sucht, scheint dieser Satz treffender zu sein als je zuvor. Er stammt aus einem Film, der selbst von der Suche nach der Wahrheit erzählt.

„Werk ohne Autor“ heißt der dritte Film von Florian Henkel von Donnersmarck, der mit seinem Langfilmdebüt „Das Leben der Anderen“ 2007 einen Oscar gewann und ein Filmkunstwerk für die Ewigkeit schuf. Auch in seinem neuen Film inszeniert er die Wahrheit als oberste Maxime der Kunst und des Künstlers. Diesmal ist der Künstler zwar kein Dichter, sondern ein Maler, aber auch Kurt Barnert – so heißt der Protagonist in „Werk ohne Autor“ – kann seine Kunst nicht frei ausleben.

Der junge Kurt wächst im Nationalsozialismus auf, wo er durch seine Tante Elisabeth schon früh in Verbindung mit der Kunst kommt. Mit einer Kunst, die von den Nationalsozialisten verhasst ist und als „entartet“ diffamiert wird. Die nationalsozialistische Diktatur erfährt der bei Dresden lebende Kurt hautnah, wenn seine unter Schizophrenie leidende, geliebte Tante im „Euthanasie“-Programm dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer fällt. Die Ermordung Elisabeths bildet Kurts künstlerisches Ur-Trauma. Seine Suche nach der wahren Kunst und der Wahrheit selbst wird von nun an seinen Weg bestimmen. Einmal mehr wird klar, dass Kurt eine ganze Generation von Deutschen verkörpert, die nach dem Dritten Reich auf der Suche nach der Wahrheit, nach ihrer Identität sind.


Werk ohne Autor / © Walt Disney Company Germany

Auch in der nächsten – nun sozialistischen – Diktatur ist der nun werdende Maler in den Ketten des politischen Systems gefangen. Zwar ist Barnert äußerst erfolgreich, doch in der Kunst des sozialistischen Realismus findet er keine Erfüllung. In der Liebe hingegen findet er sie. Er lernt die aus gutem Haus stammende Elisabeth kennen. Eine Parallele zu Kurts ermordeter Tante Elisabeth, die nichts Gutes zu verheißen scheint. Und in der Tat nimmt die Handlung „tragödische“ Ausmaße an, wenn man Elisabeths Vater als den Arzt erkennt, der gut 20 Film-Minuten  zuvor die Vergasung von Kurts Tante angeordnet hat. Doktor Seeband wird nicht nur zum Antagonisten der Handlung, sondern sogar zum erklärten Antagonisten der von ihm abgelehnten Beziehung seiner Tochter mit Kurt. Möchte Kurt finden, so möchte Seeband nicht gefunden werden. Er verkörpert die deutschen Opportunisten und überzeugten Nationalsozialisten zugleich. Eigentlich ein zutiefst in den Kategorien der nationalsozialistischen Rassenideologie denkender Mann, der dennoch später Karriere im Arbeiter-und-Bauernstaat macht. Durch den sich anbahnenden Konflikt zwischen Kurt und seinem Schwiegervater gelingt es dem Film über die gesamte Handlung hin Spannung zu halten, zumal nur der Zuschauer die enge Verstrickung Seebands in die Ermordung von Kurts Tante kennt. Man sehnt sich förmlich danach, dass Kurt hinter das Geheimnis seines Schwiegervaters kommt, um fast genüsslich die Fassade des durch und durch unsympathischen Doktors zusammenbrechen zu sehen. So ist es konsequent und vorhersehbar gleichermaßen, dass sich Seeband von Kurt in eben jenem Zimmer, indem er einige Jahre die Ermordung von Kurts Tante angeordnet hat, vor einem Skelett malen lässt und so endgültig zum Sinnbild für den Tod wird.


Werk ohne Autor / © Walt Disney Company Germany

Auch Kurt kehrt wie viele Millionen andere der DDR den Rücken und geht in den Westen, wo er an der Düsseldorfer Kunsthochschule endlich seine Kunst ausleben kann. Und doch gelingt es dem Protagonisten nicht – wie der Regisseur Donnersmarck es selbst beschreibt – aus seinem Trauma „das Gold der Kunst zu schaffen“. Ebenso reich an Pathos wie die Worte des Regisseurs ist auch der Film selbst, stellenweise sogar pathetisch. Manche Szenen wirken daher so wuchtig, dass man sich als Zuschauer ein ums andere Mal dabei ertappt, über eine nicht vorhandene Komik in der Szene zu schmunzeln. Die von Max Richter komponierte Musik scheint sich in solchen Momenten mit dem Künstler Barnert zusammen in höhere Sphären zu bewegen, ist mit wuchtigen und clusterartigen Klängen aber durchweg sehr überzeugend.

Das allgemeine Pathos, mit dem die Geschichte von Kurt Barnert im Film erzählt wird, ist für deutsche Historienfilme eigentlich recht ungewöhnlich und verleiht dem Film eine amerikanische Note. Diese spiegelt sich auch im Kamerabild wider, das von satten Farben nur so strotzt, auch oder gerade in Szenen, in denen es der Anstand eigentlich verbieten würde. So ist die NS-Zeit fast durchweg in gelben, die DDR- und BRD-Zeit in grün bis blauen Tönen gehalten. „Werk ohne Autor“ ist zweifelsfrei ein Film, der gesehen werden will und soll. So schreckt Donnersmarck auch nicht vor problematischen Inszenierungen zurück und zeigt in einer Parallelmontage die Bombardierung Dresdens, den Tod von Kurts Onkeln an der Ostfront und die Vergasung seiner Tante Elisabeth. Donnersmarck bleibt hier gewissermaßen konsequent und gemäß der Maxime, die er Kurts Tante kurz vor deren Einlieferung in die „Nervenheilanstalt“ der Nationalsozialisten in den Mund legt: „Nie wegsehen!“ Gleichermaßen stellt er hier natürlich die Leiden der deutschen Zivilbevölkerung und Soldaten auf eine Stufe mit denen der Opfer und Verfolgten des nationalsozialistischen Regimes.

Donnersmarck wagt einen schwierigen Spagat zwischen Biografie und Geschichtsepos. Neben drei Epochen deutscher Geschichte zeichnet „Werk ohne Autor“ nämlich auch den Weg Gerhard Richters, des berühmtesten noch lebenden deutschen Malers. Seine Biografie gab den Anstoß zu diesem Film. So wurde Richters Tante tatsächlich von den Nationalsozialisten ermordet und er heiratete später die Tochter eines  SS-Arztes (der aber nicht in direkter Verbindung mit dem Tod der Tante stand). Eine Biografie ist „Werk ohne Autor“ deshalb nicht, denn der Regisseur nutzte nach eigenen Aussagen nur „Fakten, um die Dichtung zu unterfüttern“. Gerhard Richter, der sich mit einem Urteil zu dem Film zunächst zurückhielt, warf Donnersmarck jedoch vor, seine  „Biografie missbraucht und grob entstellt zu haben“.

Hier liegt der Kern des Problems und einer berechtigten Kritik an „Werk ohne Autor“. Donnersmarck erzählt die Biografie seines Hauptcharakters, gibt sie allerdings gleichermaßen als Lehrfilm über die Geschichte der Deutschen im 20. Jahrhunderts aus. Eben weil es sich um die Biografie eines Deutschen handelt, werden nationalsozialistische Verbrechen wie die Shoa ausgeblendet und der Zweite Weltkrieg erscheint als alleiniges Trauma der Deutschen. Für die Handlung mag diese Haltung durchaus Sinn ergeben, denn in der Tat war in den ersten dreißig Jahren nach dem Ende des Krieges kaum die Rede vom Holocaust und einer Schuld der Deutschen. Um diese Geschichtsverzerrungen aber im Kontext der Handlung richtig zu deuten, braucht der Zuschauer dieses Vorwissen. Fraglich ist allerdings, ob das gegeben ist, zumal der Film für eine breite Öffentlichkeit gedacht ist. Es scheint als wäre Florian Henckel von Donnersmarcks Filmepos im eigenen Pathos-Morast stecken geblieben und selbst noch auf der Suche nach der verlorenen Wahrheit.

Der Film, der unter den deutschen Kritikern eher gemischte Gefühle hervorrief, fand in der internationalen, vor allem US-amerikanischen, Öffentlichkeit hingegen ein fast durchweg positives Resümee. Für einen Oskar reichte es trotzdem nicht. Denn dafür ist er zu amerikanisch. Er bietet weder das cineastische Novum der DDR-Geschichte wie „Das Leben der Anderen“, noch die Emotionen des diesjährigen Gewinners für den besten nicht-englischsprachigen Film „Roma“.

Ein interessanter Film ist „Werk ohne Autor“ trotzdem, gerade weil er zeigt, wie sehr individuelle Biografien mit der deutschen Geschichte verwoben sind und wie schwer es ist, sie zu erzählen. Auch die Debatte um den Film, in der fast jede gesprochene Zeile und jeder Frame hinterfragt wurde, ist wichtig und zeigt, wie lebendig die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Deutschland ist. „Werk ohne Autor“ ist eben immer noch mehr Kunstfilm als Historiendrama und als solcher vermittelt er ein eindrucksvolles Bild von der Macht und Faszination der Kunst. Wenn der Film auch die Kunst als das Element präsentiert, in dem die Wahrheit immer zum Vorschein kommt, so vermittelt er doch auch die allgemeingültige Botschaft, dass es nichts bringt, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen. Die Wahrheit findet ihren Weg.

Valentin Petri ist einer der beiden Gründer und Chefredakteure des Hochformats. Er versteht sich in erster Linie als Europäer und ist glühender Verfechter der europäischen Idee. Als gebürtiger Ostdeutscher, der in Westdeutschland lebt, liegt ihm jedoch auch die innerdeutsche Verständigung und der Abbau der mentalen Ost-West-Grenze in Deutschland am Herzen. Er setzt sich außerdem für einen besseren Klimaschutz und den Erhalt der Umwelt ein. Valentin Petri veröffentlicht auch unter den Pseudonymen Lasse Sprachström und Nooc Weaselton.

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