„Frau Einstein“ – Die Geschichte einer brillanten Physikerin, die bis heute eine Unbekannte ist Ein Gastbeitrag von Ida Baggen

Lange hat mich ein Buch nicht mehr so beschäftigt und meinen Blick auf Vergangenheit und Zukunft geschärft. Wie der Roman mich zum Nachdenken über das Heute und auch das Damals anregt und einen ganz neuen Einblick in ein bisher verborgenes Leben zeigt, fasziniert mich ungemein. Wie sehr äußere Kräfte auf das Leben und Wirken eines Menschen Einfluss haben können und besonders Frauen es in der Vergangenheit schwer hatten, diesen Kräften zu trotzen und bis heute noch um Anerkennung kämpfen müssen, zeigt der Roman mit allen erschreckenden Facetten und wirkt damit auch gesellschaftskritisch nach.

Das Buch ist aufgeteilt in drei Teile, die Lebensabschnitte und Lebenseinstellungen von Mileva Maric, Albert Einsteins erster Frau, beschreiben. Alles beginnt mit der Ankunft Milevas in Zürich, wo sie ein anfangs ein sehr erfolgreiches Physik- und Mathematikstudium beginnt. Sie ist eine der ersten Frauen, die es Ende des 19.Jahrhunderts an die Universität schaffen und muss sich somit von Beginn an den spitzen Kommentaren der Professoren und Mitstudenten hingeben. Schon als Kind ist sie von ihrem Vater mit physikalischen Problemstellungen konfrontiert worden, sodass sie es schafft, entgegen der Erwartungshaltung vieler, aus der slowenischen Provinzheimat an die Universität ins große, belebte und moderne Zürich zu ziehen. Dort lernt sie den charismatischen, verträumten Albert Einstein kennen und verliebt sich. Ihr ist klar, dass sie mit einer Ehe ihr Dasein als Wissenschaftlerin in den Hintergrund rückt und hofft trotzdem auf eine Partnerschaft mit Albert, die von gegenseitiger wissenschaftlicher Anerkennung geprägt ist. Zu Beginn sind die Beiden sehr glücklich und führen eine intellektuelle Beziehung aus der später mitunter die Relativitätstheorie entspringt. Doch spätestens als Mileva schwanger wird und Albert den wissenschaftlichen Intellekt seiner Frau immer mehr vor der Öffentlichkeit verleugnet, beginnt das Bild der Beziehung, von der Mileva träumt, zu bröckeln. Albert unterdrückt ihre Intelligenz immer weiter und verhindert somit ihr Dasein als Physikerin – der größte Traum Milevas. Es wird unfassbar und fast unerträglich deutlich, welches wissenschaftliche Potenzial Mileva Maric hatte, wie unerkannt sie bis heute im Schatten Albert Einsteins steht und wie viel sie hätte erdenken können, hätten die Gesellschaft und ihr Ehemann ihr die Möglichkeit dazu gegeben.

„Frau Einstein“ bildet den Anfang einer Buchreihe, die sich mit historischen Schicksalen von Frauen befasst, die vieles geleistet haben, aber bis heute im Verborgenen bleiben. Die studierte Historikerin und Anwältin Marie Benedict träumte schon immer davon, Frauen aus dem Schatten der Geschichte zu holen und verwirklicht diesen Traum nun im Schreiben dieser Buchreihe. Sie lebt in den USA und veröffentlichte schon vor „Frau Einstein“ einige historische Romane unter dem Pseudonym Heather Terrell.

Die Autorin erzählt Mileva Marics Geschichte auf eine bewegende Art und Weise und verbindet dabei fiktive Elemente mit geschichtlichen Anhaltspunkten. Teilweise verschwimmt Fiktion mit Historie, Benedict macht dies im Nachwort auch selbst nochmal deutlich und verweist auf ihre geschichtlichen Anhaltspunkte und Quellen bei der Entstehung des Romans. Sie habe an einigen Ecken die Geschichte rund gemacht und somit mögliche Antworten auf unbeantwortete Fragen gegeben, um den Lesefluss zu erhalten. Diese fiktiven Details ändern jedoch nichts an der Bedeutung Mileva Marics für Albert Einsteins wissenschaftliche Arbeiten und der Art und Weise, wie der Wissenschaftler seiner Frau gegenübertrat. Sie geben Mileva Maric vielmehr ein Profil, eine Geschichte, die es den Lesern einfacher macht, sich mit ihr identifizieren zu können – mit einer Unbekannten, deren Geschichte endlich gehört wird und einen ganz neuen Blick auf einen der größten Physiker unserer Zeit wirft. Benedict schafft es, damalige Gesellschaftsordnungen kritisch zu hinterfragen und lenkt gleichzeitig den Blick des Lesers auf das Heute und Strukturen, die unbedingt zu vermeiden sind. 

“Frau Einstein” erzählt die Geschichte einer Frau, die die Geschichte aller Frauen hätte sein können. Der tragische Werdegang ihres Lebens beschreibt die Tragik vieler Leben in dieser Zeit; wie extrem ein Mann das Leben einer Frau beeinflussen konnte und ein so intelligentes Mädchen nicht die Möglichkeit hatte, ihre Ideen und ihren Mut mit der Welt zu teilen. „Frau Einstein“ zeigt, wie schnell die Stärke einer Frau im Sumpf der Ehe und gesellschaftlicher Normen verschwinden konnte und wie viel Potenzial in Frauen dieser Zeit steckte, das unerkannt auf der Strecke blieb, versteckt im Schatten erfolgreicher Männer. Heute wird das besser, es gibt ganz neue Möglichkeiten, uneheliche Kinder zwingen nicht mehr zur Ehe und viele Frauen sind berufstätig und ausgebildet – deutlich emanzipierter als im 20. Jahrhundert. Bücher wie „Frau Einstein“ helfen besonders jungen Frauen dabei, Mut zu fassen – um den eigenen Weg in unserer Gesellschaft zu gehen.

 

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