Unverständnis als gemeinsamer Nenner Von Forschenden und Fragestellern

In der Schule behandeln wir (mal wieder) ein schwerwiegendes Thema. Wir behandeln Geschichten über Rassismus und Antisemitismus und Nationalismus… Geschichten über Hass.

Bringt man (junge) Leute in Kontakt mit Gräueltaten aus der Geschichte oder aus dem aktuellen Weltgeschehen, heißt es, so werden auch ihre interkulturelle Toleranz und ihre Friedensliebe gefördert. Mittlerweile muss man ja auch gar nicht mehr weit in die Vergangenheit gehen um Grausamkeit zu finden, die räumliche Bewegung „etwas Richtung Orient“ reicht völlig aus.

Wieder einmal hat am meisten Gesprächsbedarf der Lehrer selbst und wieder einmal lastet die Schwere des Themas auf denen, die eigentlich diskutieren sollten über die Eindrücke, die sie bekommen haben. Die Schwere lastet sichtlich so sehr, dass gar nichts mehr geht – aber das ist ja nichts Neues. Letztes Mal haben eben die meisten nicht aufgepasst und wussten deshalb nichts beizutragen, dieses Mal sind sie aufmerksam geworden, aber zu überfordert, um über das zu reden, was man schwer in Worte fassen kann.

Zögerlich melden sich dann doch einige und drücken ihr Bedauern aus und ihren Ekel vor denen, die Gewalt ausüben – grundlose Gewalt, zumindest in unserer Wahrnehmung. Unmöglich zu verstehen oder gar nachzuvollziehen. Krank.

Das sagen die allermeisten und alle scheinen sich zumindest in diesem Punkt einig zu sein: Dass es tatsächlich einfach unmöglich ist, die Motive nachzuvollziehen. Und wenn wir an diesem Punkt angekommen sind, wird die unangenehm emotionale Runde zum Glück aufgelöst, denn das ist scheinbar genau das, was der Lehrer hören wollte. Wir haben uns unsere Ergriffenheit mit den gegebenen Eindrücken im Grunde selbst erarbeitet und wir haben ausgedrückt, was wir ausdrücken sollten, nämlich dass wir unmöglich verstehen können, wie es zu solcher Grausamkeit überhaupt kommen kann und somit auch niemals selbst auf den Gedanken kämen, entsprechende Gewalt auszuüben (:grundlos). Fazit: Unverständnis.

Rückblickend kann ich mich an kaum eine Unterrichtsstunde erinnern, bei der die Diskussion (und der Lerninhalt) über dieses „Fazit“ hinausgegangen wäre. Und damit fällt die Schule, die mich doch eigentlich für eben solche Dinge wappnen sollte, auch schon mal heraus aus den Bildungsquellen, die mich in meiner Reaktion auf Aggressionen wirklich beeinflussen, lenken, prägen könnten.

„Wissen ist Macht“, heißt es ja, und tatsächlich fühle ich mich gerade aufgrund meines Nichtwissens, meines Nichtverstehens, machtlos – denn ich will ja etwas tun gegen den Hass, der überall Thema ist und der mir nicht einmal nur in den Medien begegnet. Hass, in seiner meist etwas passiveren Form, begegnet uns schließlich auch dauernd im Alltag (selbst, oder gerade unter der Zen-Glocke in Tübingen). Der reicht bei den meisten dann doch nur zum Kopfschütteln (:verständnislos) oder man faucht eben auch mal zurück, geht ja gar nicht anders bei Menschen, die nur die Sprache der Aggression zu sprechen scheinen.

Doch, geht bestimmt. Irgendwie. Wenn wir Nelson Mandela Gehör schenken ist Hass ja, im Gegensatz zur Liebe, nichts Naturgegebenes. Hassen muss man lernen, sagt einer, der in seinem Leben mit Sicherheit genug Hass erleben musste, um zu wissen, wovon er spricht.

Wäre dann nicht der nächste und automatisch daraus folgende Schritt, über die Ursprünge des Hasses nachzudenken und seine Erkenntnisse mit den Heranwachsenden zu teilen? „Die Ursprünge des Hasses“ – natürlich ist das ein abstrakter Begriff. Aber die Frage danach ist in jedem Fall präziser als die Frage nach den Motiven (nach dem Grund). Die Frage nach dem Grund ist meist eine rhetorische und wie schon angedeutet ist es nicht die Antwort auf die Frage, die die Diskutierenden auf einen gemeinsamen Nenner bringt, sondern die Frage selbst (oder die Tatsache, dass sie gestellt wird).

Die Frage, so habe ich das von klein auf vermittelt bekommen, steht stets am Anfang. Vor der (Nach)Forschung. Vor der Lösung. Stattdessen ist die Frage häufig zu etwas geworden, das am Ende steht. Wir haben das offene Ende vom Stilmittel zur Regel werden lassen, wir streben es in der Art an, wie wir Information vermitteln. Wir informieren und dann schließen wir (quasi analytisch), dass es für bestimmte Dinge kein Verständnis, kein Verstehen geben kann.

Sollten wir nicht stattdessen versuchen, uns näher in die „Wütenden“, „Hassenden“, hineinzuversetzen? Auch wenn das heißt, im Gedankenexperiment von seinen eigenen (radikalen und felsenfesten) Standpunkten abzuweichen – Dinge in Betracht zu ziehen, die man selbst nicht erfahren musste oder nie gelernt hat (:hassen). Natürlich müssen Werte wie Toleranz in öffentlichen Bildungseinrichtungen auch weiterhin durch Information und Aufklärung gefördert werden. Wir könnten aber anfangen, uns zu überlegen, wie wir Hass am besten begegnen sollten (und damit automatisch, wie ihm vorzubeugen ist; Hass bedingt Hass). Auf einen gemeinsamen Nenner müssen wir davor vermutlich noch nicht einmal erst kommen – für den sorgt  bereits unsere Zen-Glocke.

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Bruno der Bär
Gast
Bruno der Bär

Soso. Ich denke, für das Verständnis wäre es hilfreich, wenn die Kritikpunkte konkreter definiert und an Beispielen aufgezeigt würden. So ist zwar der Kritikpunkt der Autorin zu erahnen, jedoch wird doch nicht ganz klar, wo genau das Problem liegt. Die Formulierungen bleiben hier leider sehr wage.