Instawahn Ein Reformvorschlag

Immer öfter – und damit im Gleichschritt mit einem Großteil der „westlichen Jugend“  halte ich mich im Raum Instagram auf, diesem sagenhaften Ort, wo man sein Leben erst (mehr oder weniger) sorgsam präparieren und die Extrakte dann quasi auf einem Silberteller servieren kann. Endlich, mag man wohl sagen, ein Raum, in dem Ästhetik vorherrscht – ein Ort der Bilder, ein Ort, wo man entscheiden kann, wie man sich gibt – und man „gibt sich“ durch Motive – durch Wahrhaftiges – und nicht durch Statements.

Ein wunderbarer, ein paradiesischer Ort – denn sind nicht Bilder so viel konkreter und auch weniger wertend als es Kommentare, Badezimmerupdates, Kriegsdrohungen im 160-Zeichen-Format sein können?

Tatsächlich aber auch ein Ort, an dem sich ungewollte Komplexe schaffen, ein Ort, der laut Studien besonders in der jüngeren Altersgruppe Depressionen und zwanghafte Verhaltensmuster wie Essstörungen hervorruft.

Die Regierung stellt in diesem Gebiet der Selbstoptimierungswahn – jener Wahn, der wohl dadurch entsteht, dass wir die Summe der fremden Lebensextrakte als real annehmen und versuchen, sie in der Wirklichkeit zur rekreieren. Präparation in echt, und das ist wohl zwanghaft – „ein Leben für die Kunst“.

Um diesem Unsinn entgegenzuwirken, hat sich im Laufe der Zeit eine Gegenformation gebildet, die versucht, das krampfhafte Ästhetisierungsstreben zu beenden.  Mit Bildern von Wollsocken zum Beispiel. Oder Selfies ohne MakeUp (Ja!!!Hurra!!!Endlich!!!!). Jeder einzelne dieser revolutionären Posts ist ein wertvoller Beitrag zu unserer Toleranzgesellschaft und der geistigen Gesundheit jedes Mitbürgers. Jeder Einzelne von ihnen ist eine Gesellschaftskritik in sich, ist wohldurchdachte Satire. Falscher Realität begegnet man mit echter Realität, so das Motto. Lasst uns jedem zeigen, dass das Leben langweilig ist und verdammt nochmal auch langweilig zu sein hat, und dass das Leben der anderen auch nicht interessanter sein kann als unser eigenes (weshalb dann eigentlich auch das Interesse am Leben der anderen? – Sie tragen Stoppersocken, nicht bunte aus Merinowolle).

Instagram macht krank, Instagram macht depressiv; ja, warum nur ist Instagram so gefährlich für unsere Jugend? Ist es wirklich der Fakt, dass wir dauerhaft mit übermäßig perfektionierten „Lebensausschnitten“ anderer konfrontiert werden, die uns unser Leben so dunkel und „leblos“ erscheinen lassen? Denn inzwischen ist diese Tatsache doch bestimmt zu beinahe jedem Nutzer durchgesickert: dass die Posts tatsächlich nur ein stark idealisiertes (wenn nicht sogar: darüber hinaus verfälschtes) Bild der sich Präsentierenden darstellen. „Durchgesickert“ – das heißt, dem Nutzer auch bewusst, wenn er durch seine Startseite scrollt.

Die Frage ist doch eher, warum wir gerade Instagram als soziales Medium vorziehen und was wir uns davon erwarten? Was kann Instagram, was andere soziale Medien nicht können?

Erstmalige Antwort: Eigentlich nichts. Vergleicht man Instagram mit anderen der am häufigsten genutzten sozialen Netzwerke, so könnte man  stattdessen sogar sagen: Eigentlich weniger. Wahrscheinlich ist das absichtlich so: Die Plattform ist wohl zielgerichtet minimalistisch, im Vordergrund soll das Bild stehen, nicht der Kommentar. Dokumentation, nicht Analyse.

Dadurch greift Instagram den schon in seinem Mutternetzwerk Facebook vorhandenen Ansatz auf, durch Lebensausschnitte eine eigene, fortlaufende Erzählung zu schaffen – und beschränkt die Erzählung eben primär auf das Bild (sozusagen die ursprünglichste Dokumentationsform).

Die zahlreichen „Anhängsel“ Instagrams – Selfiefilter, Ortsangaben et cetera – sollen dazu beitragen, diese Erzählung zum einen zu perfektionieren und zum anderen (und eben zum Teil widersprüchlichen), sie persönlicher und wirklicher erscheinen zu lassen.

Wirklicher – denn als soziales Medium dient Instagram eben immer noch hauptsächlich der Selbstmitteilung. Die jüngeren Entwicklungen in der Art, wie es verfälschte Realität vermittelt, sind angesichts der Informationsstruktur des Internets aber unvermeidlich.

Jeder, der Instagram nicht nur (quasi „einseitig“) zur Pflege seiner eigenen „Öffentlichkeitsarbeit“ verwendet, sondern auch den „Leben“ der anderen „folgen“ möchte, kann bezeugen, dass einzelne Beiträge der anderen auf der Startseite zu einer Art buntem Brei verschwimmen, dessen Bedeutungsgehalt einen bescheidenen Bereich nicht überschreitet. Der Begriff „Informationsflut“ ist in der Ära Internet sicherlich kaum einem mehr ein Fremdwort – aber kaum ein Bereich lässt sich damit besser charakterisieren, als die sozialen Medien.

Und hier beginnt eben das eigentliche Problem: Der Bedeutungsschwund der einzelnen Beiträge liegt in der massenhaften Information begründet – er hat, wenn überhaupt, nur wenig mit verfälschten, zu perfekten Rollenbildern der „großen“ Instagrammer zu tun.

Sicherlich hat die Behauptung Hand und Fuß, dass der soziale Druck auf den Einzelnen in einer Sphäre wie Instagram enorm wächst; das ist wahrscheinlich aber eher darauf zurückzuführen, dass man sich selbst als Teil dieses großen Breis erlebt, als darauf, dass man glaubt, sich an ein, von „Prominenten“ impliziertes Ideal halten zu müssen.

Der „große Brei“ – das ist die Illusion einer geteilten Realität, die aus der nur vorgetäuschten Authentizität Instagrams entspringt. Die „Lebensbilder“ der Individuen sollen deren Leben, deren Realität dokumentieren. Stattdessen aber folgen sie alle einem gewissen ästhetischen Trend; sie folgen einer Mode, die nicht für Klamotten, sondern für Lifestyle gilt.

Durch diese Mode wird jeder Post und jede Story in eine gemeinsame Weltsicht eingefügt. Von der Optik (grelle Farben, klare Konturen) über die Darstellung (romantische Pose eines Betrachters – Wanderer über dem Nebelmeer) bis hin zum Inhalt (hauptsächlich: Urlaub, Essen, Nachtleben) gleichen sich die  verschiedenen persönlichen „Erzählungen“ der Instagrammer mehr, als sie es wollen.

Instagram ist Meister darin, mithilfe seiner optischen Tricks und der Unmittelbarkeit seiner Informationen (24-Stunden-Storys…) Individualität und Echtheit vorzutäuschen. Stattdessen ist der Großteil seiner Inhalte verwaschen und dem großen Brei angepasst; Instagram gibt Trends vor und seine Bürger folgen seinen Vorstellungen. Und daran ändert auch seine selbsternannte „Opposition“ nichts: Denn auch die Bilder von Wollsocken zeigen nur eine banalere Seite eines uniformen Alltags.

In Wirklichkeit überschneiden sich die Inhalte Instagrams genauso wie seine Optik. Die Bilder von Urlaubsorten und schicken Restaurants sind vielleicht nicht gerade alltäglich, aber sie zeigen gemeinsame Vorlieben oder Wunschvorstellungen der „westlichen Welt“ auf. Im Grunde sind diese Bilder allesamt Klischees, die nur die Gemeinsamkeiten und nicht die Diversität unserer Gesellschaft aufzeigen.

Die „wahren Helden“ Instagrams sind jene Accounts, die vom immer lauteren Geschrei und immer engeren Geringe um die meisten Follower, konstant ungerührt bleiben, und zu ihrer eigenen Realität stehen. Die schöne, verrückte Dinge posten, und sich nicht allzu viele Sorgen um ihr damit vermitteltes Selbstbild machen. Tatsächlich wichtig ist weiterhin, was persönliche Bedeutung hat – egal, ob es nun besonders ist oder banal. Individualität muss man nicht konstruieren, sie entsteht von allein, wenn man auf sich hört – und nicht auf die ungeschriebenen Gesetze Instagrams.

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