Etwas mehr Konstruktivität, wenn ich bitten darf…

Der Qualitätsjournalismus von heute ist deskriptiv, investigativ und analysierend, nicht aber konstruktiv und das sollte sich ändern.

Der Journalismus hat als vierte Gewalt im demokratischen System die Aufgabe, den Mächtigen auf die Finger zu schauen, zu kontrollieren, über Missstände aufzuklären und vor allem die Menschen zu informieren und politisch zu bilden. Doch der Journalismus hat auch eine gewaltige gesellschaftliche Aufgabe, denn Berichterstattung formt Meinungen und damit die Politik. Er hat aber auch massive Auswirkungen auf das gesellschaftliche Klima und die Sichtweise der Bevölkerung auf ihre Umwelt. Damit beeinflusst der Journalismus wesentlich die “Volksseele”. Mit der Fixierung auf das Negative, auf Tragödien, auf Drama und Konflikt wird den Menschen ein Bild vermittelt, das bei Vielen Ängste auslöst. Durch diese Emotionalisierung werden gesellschaftliche Konflikte verstärkt über die dann wieder berichtet werden kann. So entsteht eine Eskalationsspirale, in der schnell pauschalisiert wird und in der extreme, einfache und emotionale Positionen gefördert und in den Vordergrund gestellt werden. Dieser Vorgang und seine Konsequenzen können gut in den USA beobachtet werden, wo rechte Sender die Debatte formen und ein diffuses Bild der ständigen Gefahr zeichnen. Gerade die Sensationsberichterstattung die man ja eher von der Boulevard-Presse gewöhnt ist,der sich aber auch SPIEGELonline und andere sonst seriöse Medien zeitweise hingeben, kann in Verbindung mit sozialen Netzwerken und Filterblasen sehr starke Auswirkungen auf die Gedanken und die Meinung einer großen Anzahl an Nutzern haben. Vor allem aber entsteht ein unterbewusstes Gefühl für die generelle Situation. Wenn dieses Gefühl negativ ist, eine “es-geht-alles-den-Bach-runter”- und “die-daoben”-Mentalität entsteht und sich daraus illiberale Bewegungen formieren, kann das zur Gefahr für die Demokratie werden. Und, haben Sie es gemerkt? Das was sie soeben gelesen haben war nicht falsch und es war (hoffentlich) einigermaßen verständlich. Aber reflektieren Sie doch noch einmal kurz. Der vorangegangene Absatz hat genau das gemacht, was er eigentlich kritisiert. Er hat analysiert und die Situation beschrieben. Und Lösungsansätze? Fehlanzeige!

Und auch der diesem Satz vorausgegangene war eine Analyse der ungewollten Analyse, ebenso wie dieser Satz hier die Analyse der Analyse der Analyse ist.

In jedem Fall ist die Analyse von Themen, Problemen und Vorgängen die Hauptverantwortung des Journalismus. Der erste Schritt zur Problemlösung ist ja sowieso die Erkenntnis, dass es ein Problem gibt. Dann folgt die Analyse, in der nach den Ursachen geforscht wird. Damit ist das Problem erkannt und man hat es verstanden. Und was dann? Dann muss das Problem gelöst werden, bzw. ein Weg zur Problemlösung gefunden werden. Hier kann der konstruktive Journalismus den ersten Schritt gehen. Als integraler Bestandteil einer jeden Gesellschaft hat der Journalismus zwar nicht die Verantwortung, Probleme endgültig zu lösen – das kann auch nicht der Anspruch sein – er kann die Problemlösung aber anstoßen. Denn anstatt ein verheerendes, mitunter destruktives Fazit zu ziehen kann auch ein Lösungsansatz, ein Denkanstoß oder sogar eine gesamte Lösungsstrategie vorgelegt werden. Neben dem Erkennen und der Analyse eines Problems sollte der moderne Journalismus also auch den ersten Ansatz in Richtung einer Lösung bieten. Journalisten besitzen außerdem die Möglichkeit, Probleme anzusprechen und vor allem Lösungsansätze vorzuschlagen, die Politiker signifikant Stimmen kosten könnten. So zum Beispiel beim Klimaschutz: Die Wahrheit (es wird nicht reichen alle herkömmlichen Fahrzeuge durch E-Autos zu ersetzten, der Individualverkehr muss zwangsläufig reduziert werden) ist oft nicht einfach zu verkraften, vor allem nicht, wenn sie von der Politik kommt, denn dann verliert man Steuerwahlkämpfe und wird zur „Verbotspartei“. Obwohl Lösungsansätze meinungsbasierter sind als die pure Analyse, muss bei einem konstruktiven Journalismus doch Distanz gehalten werden. Genau das kann die Debatte durch eine distanziertere und hoffentlich faktenbasierte Sicht noch reicher und vor allem objektiver machen. Auch die Differenziertheit des Diskurses wird gefördert, womit populistische Tendenzen bekämpft werden, da diese immer auf einfache und klare Positionen basieren. Vielleicht würde dann auch deutlicher, dass politische Ansichten immer nuanciert sind und sich eigentlich nie in Schlagzeilenformat bringen lassen.

1 Kommentar
  1. An sich möchte ich dem Autor in den meisten Punkten wohl recht geben, habe jedoch einiges, wo ich auch nicht zustimme. So müssen wir beispielsweise nicht erst nach Amerika schauen um Beispiele für Medien zu finden, in deren analyse mehr oder minder verschleierte Bewertungen einfließen. Allein die Wahl des Vokabulars, das zum Beispiel in Bezug auf den Nahen Osten verwendet wird, lässt regelmäßig auf den Standpunkt des Verfassers schließen. Und damit ist bereits das Hauptproblem benannt. Rein deskriptive Analysen einer Situation finden heute kaum noch statt. Möglicherweise wird es als überflüssig betrachtet, da sich jeder Journalist und Redakteur die Frage stellen muss ” was bitte ich mehr als andere?” Dies führt automatisch dazu, dass der leichte Weg der Bewertung oder Dramatisierung gewählt wird. Es werden Narrative entworfen die der eigenen politischen Richtung zusagen und “die anderen” diskreditieren, bzw. von ihnen nicht akzeptiert werden.
    Daher bin ich der Ansicht, dass guter Journalismus bei der Wahl der Sprachnuancen und der Betitelung (Bericht, Kommentar usw.) beginnt.

    Hochformat gefällt mir dahingehend sehr gut. die eigene Meinung wird kenntlich gemacht und das Format passend betitelt.

    Weiter so!

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