Die Leitmedien der Jugend Medienumfrage 2019

Im letzten Jahr sind Millionen Jugendliche in Deutschland und Europa auf die Straße gegangen, um für Klimaschutz, gegen die EU-Urheberrechtsreform oder zu hohe Mieten zu demonstrieren. Die zahlreichen Demonstrationen haben ebenso zahlreiche Debatten über Klimaschutz, die Freiheit des Internets und das scheinbar plötzlich erwachte Interesse vieler Jugendlicher an Politik entfacht. Gerade durch die FridaysForFuture-Bewegung nehmen Jugendliche selbst an den zentralen Diskussionen in Politik und Medien teil. Vertreter*innen der „jungen Generation“ berufen sich auf die Wissenschaft und beweisen immer wieder, dass sie den Vertreter*innen „älterer Generationen“ in Sachen Eloquenz und Fachwissen in nichts nachstehen. Kurz: Sie sind informiert.

Vor diesem Hintergrund und dem der fortschreitenden Digitalisierung der Medienlandschaft stellte sich uns als vorwiegend „jugendliche“ Redaktion die Frage, wie und über welche neuen und konventionellen Medien sich unsere Generation über Politik informiert.

Der Spiegel, die Süddeutsche Zeitung, die FAZ, die Zeit oder der öffentlich-rechtliche Rundfunk gelten gemeinhin als deutsche Leitmedien und haben als solche erheblichen Einfluss auf Gesellschaft und Medienlandschaft. Mit dem Internet hat sich eine Medienplattform mit schier unbegrenzten neuen Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung etabliert, die inzwischen als wichtigstes Leitmedium für Jugendliche gilt. Welche Rolle neue Medien für die politische Informationsbeschaffung von Jugendlichen hat und welchen Einfluss alte Leitmedien dabei spielen, ist bislang noch wenig untersucht worden.

In unserer Medienanalyse 2019 haben wir uns daher den „Leitmedien der Jugend“ gewidmet und in den Gemeinschaftskundekursen eines Tübinger Gymnasiums fast 270 Jugendliche über ihr politisches Interesse und die Medienangebote befragt, in denen sie sich über Politik informieren.

Zusammenfassung

Als Ergebnis der Umfrage haben wir eine Datenbank mit den angebenen Medien erstellt, durch die zudem ersichtlich wird welche Medien-Profile (z. B.: Überregionale Tageszeitung, regionaler Fernsehsender, Social-Media, unabhängige Online-Zeitung, öffentlich-rechtlicher Radiosender etc.) viele Jugendliche ansprechen.

Für die Auswertung der Medienumfrage ziehen wir die JIM-Studie des SWR heran und beziehen uns auf deren Ergebnisse. Die JIM-Studie untersucht seit mittlerweile 20 Jahren alljährlich den Medienkonsum und -umgang von Jugendlichen.

Es sei vorweggenommen, dass die Medien-Umfrage lediglich einen kleinen Eindruck liefern kann und keineswegs allgemeine Schlüsse auf eine ganze Generation zulässt. Diese Untersuchung ist eine Stichprobe, die aufzeigt wie sich Schülerinnen und Schüler einer einzelnen Schule über Politik informieren. Sie soll Vertreter*innen aller Generationen dazu anregen, sich mit den Interessen und Vorstellungen der „Greta-Generation“ auseinanderzusetzen und die eigenen Wege der politischen Information zu reflektieren.

Auswertung

Insgesamt wurden 267 Schüler*innen in den Gemeinschaftskunde- und Geographiekursen der Klassen 9 bis 12 des Wildermuth-Gymnasiums in Tübingen befragt. An dieser Stelle sei explizit den Lehrerinnen und Lehrern gedankt, die die Umfrage in ihren Klassen durchgeführt und die Arbeit unserer Redaktion so ungemein unterstützt haben.

Den Schüler*innen wurde der folgende Fragebogen vorgelegt:

70 Prozent der Schüler*innen interessieren sich für Politik

Bei der Einstiegsfrage gaben gut 70 Prozent der Befragten an, sich für Politik zu interessieren. Weitere sieben Prozent der Schüler*innen positionierten sich spontan zwischen den beiden Antwortmöglichkeiten „Ja“ und „Nein“.

Gesamtbetrachtet nimmt der Anteil der an Politik Interessierten mit dem Alter und in höheren Klassenstufen zu. Eine Abweichung in diesem Trend fand sich bei 16-Jährigen vorwiegend der 11. Klasse, der sich sicher hauptsächlich auf die überaus geringe Teilnehmer*innenzahl in der Altersklasse bzw. Klassenstufe zurückführen lässt.

Gut die Hälfte informiert sich mehrmals pro Woche

Auch in Bezug auf die Häufigkeit, mit der sich die Befragten über Politik informieren, korrespondiert die Informationshäufigkeit mit Alter bzw. Klassenstufe (mit erneuter Abweichung in der 11. Klasse). So verdoppelt sich der Anteil derjenigen, die sich täglich informieren, von der 9. auf die 10. Klasse auf 19 Prozent; der Anteil der sich höchstens einmal im Monat Informierenden sinkt von gut 23 Prozent in der 9. Klasse stetig auf gut sieben Prozent in der 12. Klasse.

Insgesamt gaben gut 15 Prozent der Befragten an, sich täglich zu informieren; gut 36 Prozent informieren sich mehrmals pro Woche, knapp 30 Prozent einmal pro Woche und etwa 17 Prozent einmal im Monat oder seltener. Nur knapp zwei Prozent der Schüler*innen gaben an, sich nie über Politik zu informieren.

Ins Auge sticht zudem eine mitunter große Differenz zwischen Schülern und Schülerinnen. Fast zwei Drittel der männlichen Befragten informieren sich mehrmals pro Woche über Politik; knapp 60 Prozent der weiblichen Befragten hingegen tun dies einmal pro Woche oder seltener.

 

Medienangebote mit der Anzahl ihrer Nennungen

Die Medien sind nach ihren hauptsächlichen Verbreitungsformen markiert. Die Online-Auftritte von Fernseh- und Radiosendern sowie Printmedien wurden einzeln abgefragt und aufgeführt. Bei großen Fernsehsendern wurden zumeist die repräsentativen Nachrichtensendungen vorgegeben. Nur Medienangebote mit mindestens drei Nennungen sind abgebildet.

Die Umfrageergebnisse werden mit großem Abstand vom Schwäbischen Tagblatt (Regional- und Lokalzeitung im Kreis Tübingen) angeführt. Es wurde von rund zwei Dritteln der Befragten genannt. Mit Tagesschau (56 Prozent) und Heute Show (49 Prozent) folgen zwei Medienangebote des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Regionale sowie öffentlich-rechtliche Medienangebote scheinen auch gesamtbetrachtet eine große Rolle zu spielen:

  • Unter den zehn meistgenannten Medienangeboten befinden sich drei regionale. Zudem kommen fünf der Angebote von öffentlich-rechtlichen Medien.
  • Die einzigen beiden häufig genannten Social-Media-Plattformen befinden sich nur im oberen Mittelfeld. Bemerkenswert: Mehr Schüler*innen informieren sich im SWR Radio und SWR Fernsehen als über YouTube und Instagram zusammen.
  • Das Verhältnis von privaten und öffentlich-rechtlichen Angeboten ist nahezu eins zu eins (763 zu 757 Nennungen).
  • Internationale Medienangebote spielen praktisch keine Rolle, Social Media natürlich ausgenommen. Die britische Tageszeitung The Guardian ist das einzige mehrfach genannte internationale Medienangebot.

Die Bedeutung öffentlich-rechtlicher und regionaler Medienangebote für Jugendliche wird auch durch die „Vertrauens-Noten“ der JIM-Studie bestätigt: Der Tagesschau sprachen mit 84 Prozent am meisten der befragten Jugendlichen ihr Vertrauen aus. Regionale Tageszeitungen und öffentlich-rechtliche Radiosender folgen mit 77 bzw. 74 Prozent.

Das Ergebnis der Medienumfrage für YouTube liegt nur leicht über dem Ergebnis der JIM-Studie. Dort gaben 29 Prozent der männlichen und 16 Prozent der weiblichen Befragten an, auf YouTube Videos „über aktuelle Nachrichten“ zu schauen (Medienumfrage: 37 Prozent der männlichen und 20 Prozent der weiblichen Befragten).

Hervorzuheben ist überdies die große Rolle von Satire-Sendungen, auf die fast 15 Prozent aller Nennungen entfallen. Mindestens die Hälfte der Schüler*innen schauen Satiresendungen; bei Schülern liegt der Wert mit durchschnittlich 60 Prozent noch deutlich höher.

 

Schlussbetrachtungen

Jugendliche scheinen in der politischen Berichterstattung Vertrauen in regionale Medienangebote zu setzen. Insbesondere vor Ort etablierte Tageszeitungen sowie Fernseh- und Radiosender sid hier hervorzuheben. Die „klassischen Leitmedien(-angebote)“ wie die Tagesschau und Der Spiegel spielen dabei immer noch eine nicht unwesentliche Rolle. Speziell Satire-Sendungen, die „spielerischer“ an politische Themen heranführen, werden von vielen Jugendlichen geschaut. Ferner haben sich mit YouTube und Instagram zwei neue Medien als Informationsquellen über Politik etabliert, die im Falle von YouTube besonders von männlichen Befragten genutzt werden.

Unter dem schwer einzugrenzenden Begriff „Leitmedien“ fassen wir daher auf Basis unserer Untersuchungsergebnisse die Medienangebote zusammen, die von mindestens einem Viertel der befragten Schüler*innen genannt wurden:

  • das Schwäbisches Tagblatt,
  • die Tagesschau/Tagesthemen,
  • die Heute Show,
  • die SWR-Radiosender,
  • tagesschau.de,
  • das SWR-Fernsehen,
  • Spiegel-Online (bzw. jetzt spiegel.de, zum Zeitpunkt der Befragung noch eigenständige Redaktion),
  • YouTube und Instagram.

Abschließend sei nochmals darauf hingewiesen, dass die hier gezogenen Schlüsse hauptsächlich auf unserer Medienumfrage basieren und deshalb keinesfalls als wissenschaftlich fundiert erachtet werden sollten.

Sie sind vielmehr als Anstoß zu verstehen, damit Debatten um Politik und Medien weniger über die Jugend und mehr mit ihr geführt werden.

Datenbank

Anmerkungen

  • Nur gültige Umfragebögen (262 von 267) wurden in die Datenbank übernommen. Als ungültig wurden Fragebögen eingestuft, die keine Angaben über Alter und/oder Klassenstufe. Auch Befragte, die angaben, sich “Nie” über Politik zu informieren, wurden nicht mit in die Datenbank übernommen.
  • Die Fragen sind bewusst offen gestellt und den Befragten nicht genauer erklärt worden. Insofern ist davon auszugehen, dass den Antworten der Schüler*innen eine sehr subjektive und spontane Definition von “über Politik informieren” zu Grunde liegt. Zudem waren die meisten in der Datenbank aufgeführten Medienangebote auf dem Umfragebogen zum Ankreuzen vorgegeben. Viele Schüler*innen werden daher vermutlich hauptsächlich vorgegebene Medienangebote angekreuzt haben, zumal ihnen spontan sicher nicht alle von ihnen genutzten Medienangebote eingefallen sind.
  • Die Auswahl der Befragten erfolgte nicht nach repräsentativen Kriterien. Die Ergebnisse sind vor dem Hintergrund einer eher kleinen Anzahl von Befragten und der Beschränkung auf ein Gymnasium im akademisch geprägten Tübingen zu betrachten.

Autoren der Medienanalyse: Bastian Weber und Valentin Petri

Redaktion und Text: Valentin Petri
Grafik und Design: Bastian Weber

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