Angesichts der jüngsten politischen Erdbeben in Belarus, im Kaukasus, im Mittelmeer und nicht zuletzt auch in den USA ist es wohl wenig verwunderlich, dass der deutschen Wiedervereinigung – auch zum 30. Jahrestag – eher weniger Aufmerksamkeit zugekommen ist. In Deutschland wurde das Jubiläum mit einem, Corona-bedingt natürlich reduzierten, Festakt in Potsdam begangen. Auch im Ausland gedachte man der Wiedervereinigung vor 30 Jahren und ihrer Symbolkraft.

In Brüssel wurde das Jubiläum u.a. mit einer Lichtshow am Grand-Place gefeiert.

In dieser, unserer ersten Presseschau wollen wir einen Blick darauf werfen, wie europäische Medien und ihre Kommentator*innen auf das Jubiläum schauen und welche Bilanz sie nach 30 Jahren Deutscher Einheit ziehen.

Einige Kommentator*innen betrachten dabei auch die Bedeutung der Wiedervereinigung für das eigene Land. Nicht wenige sehen die Rolle des vereinten Deutschlands in Europa und in der Welt kritisch, wenn auch aus zum Teil sehr unterschiedlichen Gründen.

The Guardian

 Die nächsten 30 Jahre werden härter

Der Historiker und Guardian-Kolumnist Timothy Garton Ash wagt in der britischen Zeitung einen Ausblick:

In der heutigen Welt, die von Populismus, Fanatismus und Autoritarismus beherrscht wird, ist die Bundesrepublik ein Leuchtturm der Stabilität, der Zivilität und der Mäßigung – Eigenschaften, die Bundeskanzlerin Angela Merkel verkörpert. Doch die nationalen und regionalen Herausforderungen, denen Deutschland in den letzten 30 Jahren gegenüberstand, verblassen im Vergleich zu den globalen Herausforderungen, denen es sich in den nächsten 30 Jahren stellen muss.

Ash betont wie Deutschland von seiner Rolle in Europa und im von den USA angeführten westlichen Bündnis profitiert hat. Als Schlüsselereignis für die Zukunft des letzteren sieht er die US-Präsidentschaftswahlen im November:

Wenn Trump eine zweite Amtszeit gewinnt, sind alle Wetten verloren. […] Dann wäre Europa gezwungen, in Sicherheitsfragen für sich selbst zu sorgen. Eine Aufgabe, für die es noch immer schlecht gerüstet ist. Aber wenn Joe Biden Präsident wird, können die USA wieder zu einem unverzichtbaren Verfechter der liberalen internationalen Ordnung werden, von der Deutschland mehr als jeder andere abhängt. In diesem Sinne ist der nächste wichtige Termin in der deutschen Geschichte nicht der 3. Oktober, der nur ein schöner Jahrestag ist, sondern der 3. November, an dem die wahrscheinlich wichtigste US-Wahl in der Geschichte des modernen transatlantischen Westens stattfinden wird.

28.09.2020, The Guardian

la repubblica

Was Deutschland fehlt

Tonia Mastrobuoni, Deutschland-Korrespondentin der großen italienischen Tageszeitung la Repubblica, stellt in Bezug zur Positionierung des vereinten Deutschlands in der Welt gewisse Kontinuitäten aus der alten Bundesrepublik fest:

[Die] scheinbar revolutionierte Positionierung Deutschlands in der Welt weist eine gewisse Analogie zur alten Bundesrepublik auf. Es besteht eine völlige Asymmetrie zwischen seinem wirtschaftlichen und militärischen Gewicht. [Die damalige britische Premierministerin Margaret] Thatcher befürchtete völlig zu Unrecht, dass die Briten früher oder später die Deutschen “ein drittes Mal” schlagen müssten.

Besonderes Augenmerk legt Mastrobuoni auf die Kanzlerin:

Angela Merkel, die das Land die Hälfte der Zeit seit der Wiedervereinigung regiert hat, versuchte, die politische Führung Deutschlands in Europa aufrechtzuerhalten. Die Ergebnisse sind jedoch uneinheitlich: Ihr Management der Schuldenkrise war nicht optimal, doch das während der Pandemie ist absolut außergewöhnlich. Die deutsche Dynamik in den ersten Monaten der Pandemie ist nach wie vor erstaunlich: Die Bundeskanzlerin hat all ihre Kräfte aufgewendet und ihr gesamtes politisches Kapital in die Stärkung Europas in einem der dunkelsten Momente ihrer Geschichte investiert.

02.10.2020, le Repubblica

wpolityce.pl

Ein Deutschland voller Stolz und Überheblichkeit

Deutschlands Bestehen auf eine Rechtsstaatlichkeitsklausel für EU-Gelder und die scharfe Kritik prominenter deutscher Politiker*innen wie der Europaparlamentarierin Katarina Barley am Abbau des Rechtsstaats in Polen bestätigen aus Sicht Michał Karnowskis, Gründer des rechtskonservativen, regierungsnahen Nachrichtenportals wPolityce.pl, die neue Überheblichkeit Deutschlands:

Die Fahnen sind andere, die Deutschen sehen sich heute als Vorbild der Demokratie, sie sehen ihre Aufgabe in der Bekehrung zu einer linken Weltsicht, dem Multikulturalismus. Auch hier sind sie die Besten in dem, was sie für das Beste halten. […] Ja, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands haben sich viele polnische und europäische Befürchtungen bestätigt. Wieder haben wir ein Deutschland voller Stolz, das seine Ordnung in Europa durchsetzen will.

02.10.2020, wPolityce.pl

NZZ

Die Unterschiede zwischen Ost und West als Bereicherung ansehen

Der Politikwissenschaftler und Historiker Klaus Schroeder analysiert in der NZZ die früheren und noch vorhandenen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland und zieht eine positive Bilanz:

[Die] deutsche Wiedervereinigung [erscheint] trotz allen Widrigkeiten und Problemen unter dem Strich als eine Erfolgsgeschichte, auf die man in Deutschland stolz sein darf. Die weiterhin vorhandenen Unterschiede zwischen Ost und West sollten, sofern sie auf der politischen Ebene die Verfassungsordnung nicht infrage stellen, als Bereicherung für eine lebendige Demokratie angesehen werden. Und: Die letzten drei Jahrzehnte – das muss mitbedacht werden – können ohne die Hypotheken aus den Jahrzehnten der Teilung nicht angemessen charakterisiert und eingeordnet werden. Teilung und Wiedervereinigung sind zwei Seiten derselben Medaille.

01.10.2020, Neue Züricher Zeitung

Kathimerini

Solidarität braucht ein Gefühl der Gemeinsamkeit

Enttäuschte Hoffnung aus der Nach-Wendezeit wirken bis heute nach, stellt Jens Bastian in der Athener Morgenzeitung Kathimerini fest. Eine Spaltung zwischen Ost und West macht der Ökonom unter anderem im unterschiedlichen Umgang mit Flüchtlingen aus:

Die Spaltungen und Enttäuschungen, die die Deutschen in Ost und West im ersten Jahrzehnt der Einheit erlebten, schwingen noch heute nach. Sie können mit erklären, warum die politischen Parteien in beiden Teilen Deutschlands unterschiedlich gut abschneiden, warum Flüchtlinge und Migranten, die nach Rostock, Wismar oder Gera umgesiedelten werden, mit Ressentiments und Angriffen von wütenden und verärgerten Deutschen ausgesetzt sind. Solidarität mit Flüchtlingen erfordert ein Gefühl der Gemeinsamkeit innerhalb der Zivilgesellschaft. Die Deutschen in Ost und West sind nach wie vor gespalten, in der Migrationspolitik und darüber hinaus.

03.10.2020, Kathimerini

ABC

Anhaltene Kränkung

Der Journalist José María Carrascal geht in der konservativen, spanischen Zeitung ABC der Kränkung der ehemaligen DDR-Bürger*innen auf den Grund:

Die DDR […] war das Juwel des Sowjetimperiums in Europa und seine Bewohner wurden als solche behandelt. Die Wiedervereinigung machte sie zu armen Verwandten, die alles brauchen, was unter anderem zu vielen Witzen über sie führte. Das heißt [diese] Kränkung hält an, ebenso wie die Unterschiede, auch wenn sie sich verringert haben.

05.10.2020, ABC

Irish Examiner

Wird sich eine Chance wie 1990 auch für Irland ergeben?

In einem Editorial wagt der Irish Examiner den (zunächst nicht unbedingt naheliegenden) Vergleich zwischen der deutschen Wiedervereinigung und dem Brexit:

Die deutsche Wiedervereinigung und Brexit bieten sowohl Herausforderungen als auch Möglichkeiten, die auf [der Irischen] Insel wahrscheinlich relevanter sind als fast überall sonst in der EU. Falls sich der Brexit schließlich als Beschleuniger für die Wiedervereinigung dieser Republik erweisen sollte, könnten dann alle Beteiligten dieselbe Gnade und Großzügigkeit wie die meisten Deutschen im Jahr 1990 finden, die es braucht um die Gelegenheit zu einem Erfolg zu machen? Diese Frage ist heute eine akademische und sie wird es noch eine Weile sein, aber wir – Nord und Süd – sollten sie genauso angehen, wie Angela Merkel es tun würde: Ruhig, fair, menschlich und unvoreingenommen, lange bevor Dringlichkeit oder Furcht das Urteilsvermögen trüben.

30.09.2020, Irish Examiner

Hinweise der Redaktion

Eine Presseschau ist eine redaktionelle Zusammenstellung von in verschiedenen Medien veröffentlichten Aussagen zu einem oder mehreren Themen. Durch die Zusammenstellung möchten wir einen Überblick über das vorhandene Meinungsspektrum geben und die unterschiedlichen Blickwinkel einer Debatte aufzeigen.

Die zitierten Texte geben die subjektive Sichtweise der jeweiligen Autor*innen bzw. Medien wider. Die Redaktion teilt diese Ansichten nicht zwangsläufig. Zum besseren Verständnis wurden die entsprechenden Stellen bei der Übersetzung teilweise leicht angepasst.

Bildquellen

Titelbild: © European Union 1989 – EP
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