Einhundertprozent Kommentar

Die Fraktionschefin der Grünen im Bayrischen Landtag, Katharina Schulze war über die Weihnachtstage nach Kalifornien geflogen und hatte von dort ein Bild mit Eis im Einwegbecher und mit Plastiklöffel gepostet, was Teile der Netzwelt offenbar entzürnte. Ebenso erntete Cem Özdemir, der mit seiner Familie nach Argentinien flog, heftige Kritik.

Viele der Kommentatoren warfen den Politikern vor, „Wasser zu predigen und Wein zu trinken“, was sicherlich nicht ganz falsch ist, denn wenn Spitzenpolitiker der Grünen Umweltsünden begehen ist das, wie wenn SPD-Politikerinnen teure Uhren tragen. Es besteht eine Diskrepanz zwischen Taten und eigenem Anspruch der Betroffenen und das wollen viele nicht hinnehmen. Verständlich, denn wer will schon an die Klimakonsequenzen des eigenen Urlaubsfluges von jemand erinnert werden, der neben ihm sitzt. Gefährlich dabei ist, dass die Glaubwürdigkeit leidet und das Bild „wir hier unten dürfen nichts, die da oben aber alles“ entsteht. Die Politiker müssen also einhundertprozentig ihre eigene Linie verfolgen, um glaubwürdig zu sein, oder? Nein, nicht ihre eigene Linie oder die des Parteiprogramms, sondern die, die die öffentliche Meinung für ihre Linie hält. Auffällig dabei ist, dass es fast nur die Parteien und Personen, die politisch links der Mitte stehen, trifft. Keiner beschwert sich über die Rolex-Uhren von Christian Lindner, wohl aber über die von Sawsan Chebli, der Berliner Staatssekretärin, und das, obwohl die beiden Uhren preislich beide bei etwas über 7000 Euro liegen. Bei Uhren, die dem Wert eines gebrauchten Autos entsprechen, fragt man sich schon ob diese die Zeit besonders gut anzeigen oder die Sekunden für ihre Träger extra lang machen, um mehr Zeit zu haben oder ob es auch eine Uhr für 100 Euro tun würde, die – ach welch Wunder – das exakt Gleiche anzeigt wie der Handgelenkklunker. Positivbeispiel in diesem eigentlich völlig belanglosen Chronographenvergleich ist Angela Merkel, die seit Beginn ihrer Kanzlerschaft eine Uhr für 89 Euro nutzt. Nun aber weg mit den teuren Zeitzählern und hin zum eigentlichen Problem.

Das Problem das hinter hinter diesen Debatten steht ist wie zuvor schon gesagt der Unterschied zwischen Forderungen und Taten. Vor allem die Grünen fordern viel und können mangels Regierungsbeteiligung relativ wenig davon umsetzen. Sie fordern persönliche Umstellungen und Unannehmlichkeiten ohne direkten, sofort sichtbaren und egoistischen Nutzen. Wenn diese Unannehmlichkeiten, von denen, die sie fordern, nicht auf sich genommen werden, ist deren Vorbildfunktion dahin. Der CO2-Fußabruck von Schulze und Özdemir wird nämlich mit solchen Reisen, trotz Kohlenstoffdioxidausgleich nicht kleiner und sie schaden definitiv der Umwelt. Diese Flugreisen zu machen ist Privatsache, als Politiker der Grünen für manche aber sehr provokant. Ähnlich ist es bei der Initiatorin der #FridaysForFuture-Demonstrationen Greta Thunberg: Sie ist zwar zwei Tage lang mit dem Zug nach Davos zum Weltwirtschaftsforum gefahren, verursachte aber viel Verpackungsmüll beim Frühstück im Abteil. Damit ist bei ihr auch nicht alles zu einhundertprozent perfekt, sondern es wird klar, dass es nur Näherungswerte gibt.

Wenn aber überhaupt nichts gefordert wird und erst gar keine Ansprüche gesetzt werden, passiert so etwas nicht. Ohne Anspruch kann man keinen Anspruch nicht erfüllen, ohne Werte kann man keine verletzen, ohne die Ambition zur Wahrheit kann man lügen (wie es die Populisten vormachen) und ohne Ziel kann man letztendlich auch keines verfehlen. Diese Visionslosigkeit, getarnt als „Pragmatismus“, lähmt unsere Demokratie und nimmt ihr die Handlungsfähigkeit. Für eine gute und sichere Zukunft reicht es nicht nur zu verwalten, man muss aktiv gestalten und formen um voranzukommen, und dafür braucht es Ideen. Es braucht ein anvisierbares Ziel; ein Ziel, auf das man hinarbeiten kann; ein Zie,l dem man sich nähern kann, auch und obwohl man weiß, dass man es nie zu einhundertprozent erreichen wird.

Wenn Menschen also Schritte in die eindeutig richtige Richtung gehen und dabei ihren eigenen Ansprüche nicht einhundertprozentig genügen, ist das ein Skandal. Wenn man aber die Augen vor der Realität und den Fakten verschließt und so tut, als wäre alles in Butter, ist das anscheinend Pragmatismus. Welcher Mensch mit einigermaßen intaktem Denkapparat könnte denn heute noch bestreiten, dass Klimaschutz existenziell ist? Warum ernten die Wegbereiter der Zukunft also dann Prügel von denjenigen, denen die Zukunft unseres Planeten weniger wichtig ist? Die Antwort ist: Unsicherheit. Die meisten wissen, dass wir jetzt etwas tun müssten und dass wir alle unsere Zukunft und die unserer Kinder zerstören. Das offensichtliche Schuldgefühl führt dann entweder zu einer aggressiven Abwehrreaktion unter Ausschluss der Realität oder dem Versenken des eigenen Kopfes im Sand im Angesicht des immer weiter steigenden Meeresspiegels. Wir müssen jetzt anfangen etwas zu tun, selbst wenn wir damit nicht einhundertprozent des eigentlich nötigen tun. Jede eingesparte Plastiktüte bewirkt etwas; jedes mal, wenn man das Auto stehen lässt, hilft das. Wir können etwas tun und wir müssen. Also klein anfangen und nicht die eigene “Bedeutungslosigkeit” nach dem Motto “was soll ich schon ausrichten” als Entschuldigung für Bequemlichkeit herbeireden. Denn, wie Greta Thunberg sagte, ist man “nie zu klein, um einen Unterschied zu machen”.

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